Kennengelernt habe ich Rolando auf einer Messe — über eine Flasche, die ich erst wegen ihrer Optik in die Hand nahm.
Es war der Chianti in der traditionellen Fiasco-Flasche, der mich zuerst neugierig machte. Nicht nur die Ausstattung passte; auch der Inhalt hat mich begeistert. Ein ehrlicher, frischer Chianti mit einer schönen Sauerkirschnote und dezenten Veilchennoten im Abgang. Als ich dann noch den mehrfach prämierten Vinsanto von 2009 probieren durfte, war es um mich geschehen. So begann eine Zusammenarbeit, die inzwischen viele Jahre hält — und immer wieder durch gegenseitige Besuche geprägt ist.
Der Hof
Betrieb
Fattoria di Piazzano
Wo
Empoli, 20 km südwestlich von Florenz
Region
Toskana
Gegründet
1948 von Otello Bettarini
Heute
Ilaria und Rolando Bettarini mit Michela — dritte Generation
Rebfläche
34 Hektar
Produktion
rund 180.000 Flaschen im Jahr
Rebsorten
Sangiovese, Canaiolo, Malvasia Nera, Colorino — dazu Colombana und Ciliegiolo
Besonderes
vegan zertifiziert, Strom nur aus erneuerbaren Quellen
Woher er kommt
Toskana
Die Fattoria liegt auf den Hügeln südlich von Empoli, gut zwanzig Kilometer südwestlich von Florenz. Das ist nicht das Chianti Classico der Postkarten, sondern der stillere Westen der Toskana: Weinberge, Olivenhaine und dazwischen der Rio Camerata, ein Bach, der den Hängen die Schärfe aus dem Klima nimmt. Empoli selbst war jahrhundertelang die Stadt des grünen Glases — und damit die Heimat genau jener Flasche, in der der Chianti hier bis heute steckt.
Fattoria di Piazzano — Bettarini viticoltori dal 1948 Via Maremmana 2° tratto 28, 50053 Empoli (FI)
Das Weingut Piazzano ist mehr als ein einfacher Betrieb. 1948 verliebte sich Otello Bettarini, ein namhafter Industrieller aus Prato mit einer ausgeprägten Leidenschaft für Astronomie, so sehr in die Hügel und die Landschaft rund um Empoli, dass er sich entschied, dorthin umzusiedeln.
Am heutigen Standort der Fattoria fand er eine günstige Konstellation der Sterne — und begann mit dem Weinbau. Was als Rückzugsort gedacht war, wurde zum Beruf. Der Name des Weilers steht seither auf jedem Etikett.
Die Hügel südlich von Empoli — deswegen kam er, und deswegen blieb er.
Riccardo bringt den Wein über die Grenze
Sein Neffe Riccardo unterstützte den Onkel, entwickelte das Weingut weiter und tat das, woran vor ihm niemand gedacht hatte: Er machte die Weine von Piazzano über die nationalen Grenzen hinaus bekannt.
Ende der neunziger Jahre übergab Riccardo das Weingut seinen Kindern Ilaria und Rolando, die es seitdem mit Liebe und Leidenschaft weiterführen. Antike Rebsorten wie die Colombana oder auch der Ciliegiolo werden heute wieder angebaut, um das Portfolio der klassischen Rebsorten abzurunden.
Die Fiasco wird bis heute von Hand umflochten — und liegt im Lager, bis sie befüllt wird.
Familienbetrieb heißt bei Piazzano nicht, dass alle alles machen. Rolando verantwortet Weinbau und Keller, Ilaria und Michela teilen sich Verwaltung und Vertrieb — im Inland wie im Ausland. Unterstützt werden sie vom Önologen Emiliano Falsini, einem der bekanntesten Kellermeister der Toskana.
Den Spagat zwischen Tradition und dem Blick nach vorn — auch für die nächsten Generationen — meistert die Familie durch die Liebe zu dem, was sie tut. Wein herzustellen ist harte Arbeit. Guten Wein zu machen umso mehr.
Die Wand hinter ihnen hängt voll: Gambero Rosso, Veronelli, Wine Spectator.
Was der Rio Camerata mit dem Wein macht
Am Fuß der Weinberge schlängelt sich ein kleiner Fluss entlang, der Rio Camerata. Er ist der Grund, warum es hier im Sommer nachts abkühlt und im Frühjahr selten Frost gibt: Wasser speichert Wärme und gibt sie langsam wieder ab. Für die Reben heißt das ein längerer, ruhigerer Reifeverlauf — und damit Säure, die im Wein erhalten bleibt.
Die Böden sind fruchtbar, von kleinen Steinen durchzogen und lehmhaltig. Der Lehm hält Wasser, die Steine lassen es ablaufen. Mit dieser Kombination gerät ein Sangiovese auch in trockenen Jahren nicht sofort ins Stocken. Ein Wein aus dieser Ecke ist deshalb selten wuchtig und fast immer frisch.
Kein Gift auf den Hängen
Die Bettarinis arbeiten ohne giftige Schädlingsbekämpfung, und das nicht, weil ein Siegel es verlangt. An erster Stelle steht nicht der Ertrag, sondern der Respekt vor der Natur. Wer 34 Hektar über drei Generationen weitergibt, denkt in längeren Zeiträumen als bis zur nächsten Lese.
Der Betrieb ist vegan zertifiziert: Zum Klären der Weine kommen keine tierischen Hilfsmittel zum Einsatz, weder Gelatine noch Hausenblase oder Eiweiß. Und der Strom für Keller und Abfüllung stammt ausschließlich aus erneuerbaren Quellen.
Was zwischen den Zeilen wächst, bleibt stehen — auch weil es Nützlinge anzieht.
San Colombano, Trebbiano und Malvasia Bianca ergeben Aromen von Honig, Aprikose, Feigen und Mandeln, und dieser Süßwein breitet sich wie Balsam über die Geschmacksknospen aus und bleibt. Nach einer vier Monate langen Trocknung der Trauben werden diese gekeltert und kommen in den sogenannten Caratelli — kleinen Fässchen aus Kastanie, Eiche, Ahorn und Maulbeerbaum — zur Ruhe.
Mindestens fünf Jahre, sagte mir Ilaria bei der Verkostung. Und die Tradition will, dass die Fässer nicht bewegt werden. Man lässt sie einfach dort stehen, vergisst sie und lässt Zeit und die Schwankungen der Temperaturen ihre Arbeit machen.
Der Vinsanto rockt. So eine Fülle gepaart mit Finesse und Frische habe ich in einem Süßwein noch nie erlebt.
Ilaria an den Caratelli. Bewegt werden sie nicht — das ist der ganze Trick.
Der Vinsanto
Kein Neun-bis-fünf-Job
An jedem Tag gibt es etwas im Weinberg und im Weinkeller zu erledigen. Die romantische Vorstellung des Winzerlebens entspricht in den meisten Fällen nicht der Realität, denn es ist eine Arbeit und eine Verantwortung, die weit mehr ist als ein Job von neun bis fünf.
Zusammenhalt, Erfahrung und Passion — das spürt man hier in allen Ecken des Familienbetriebs.
Und dann das Mittagessen
Wir beenden auch diesen Besuch mit einem typisch toskanischen Mittagessen, einer korrespondierenden Weinprobe und vielen prall gefüllten Tellern auf dem Tisch, wo ich wiedermal nicht weiß, wo ich beginnen soll, da alles so köstlich aussieht und natürlich auch schmeckt. Zum Abschluss gibt es Eis, Vinsanto und natürlich Cantucci.
Wenn du bei der Famiglia Bettarini nahe Empoli auf den Hof fährst, empfehle ich dir von Herzen: bring Appetit und etwas Zeit mit. Denn hier wird Gastfreundschaft gelebt und die Besucher nach allen Regeln der Kunst verwöhnt.
Die Tradition will, dass die Fässer nicht bewegt werden. Man lässt sie stehen, vergisst sie — und lässt die Zeit arbeiten.
Ilaria Bettarini über den Vinsanto, bei der Verkostung im Keller
Gut zu wissen
Vier Zahlen zur Fattoria
1948
verließ Otello Bettarini seine Fabrik in Prato — wegen der Landschaft und, so die Familie, wegen des Sternenhimmels.
34
Hektar Reben liegen auf den Hügeln südlich von Empoli, zwanzig Kilometer von Florenz entfernt.
180.000
Flaschen füllt die Fattoria im Jahr ab — für ein Weingut dieser Größe eine bewusst kleine Zahl.
5
Jahre liegt der Vinsanto im Caratello, ohne dass jemand das Fass anfasst. Danach noch sechs bis acht Monate in der Flasche.
Warenkunde
Warum der Chianti im Bastkorb steckt
Die Fiasco — die bauchige Flasche im Strohmantel — hat einen Konstruktionsfehler, der keiner ist. Sie wurde mit dem Mund geblasen, ohne Form, und bekam dabei einen runden Boden. Eine Flasche mit rundem Boden steht nicht. Also flocht man ihr ein Körbchen unter, und schon stand sie — und war beim Transport auf dem Maultier gleich mit gepolstert. Dass Piazzano diese Flasche verwendet, ist mehr als Nostalgie: Empoli ist die Stadt der Fiasco. Seit dem 15. Jahrhundert wird hier Glas geblasen, im 18. Jahrhundert wurde es zur Industrie. Der Sand aus den Flüssen der Gegend und von der tyrrhenischen Küste enthält viel Eisenoxid — daher die Farbe, die bis heute verde Empoli heißt. Das Umflechten, die vestizione, erledigten Frauen in Heimarbeit, die fiascaie, mit getrocknetem Sumpfgras. Und dieses Grün kann mehr, als hübsch auszusehen. Wein ist lichtempfindlich: Trifft Licht im Bereich zwischen etwa 370 und 450 Nanometern auf die Flasche, zerfällt das enthaltene Riboflavin — Vitamin B2 — und reißt dabei schwefelhaltige Aminosäuren wie Methionin mit. Was entsteht, sind flüchtige Schwefelverbindungen, die nach nasser Wolle und gekochtem Kohl riechen. Winzer nennen das den Lichtgeschmack, die Franzosen goût de lumière. Eisenhaltiges grünes Glas schluckt genau diesen Wellenbereich zu einem großen Teil. Die Glasbläser von Empoli wussten das nicht — sie nahmen den Sand, den sie hatten. Aber ihre Flasche schützte den Wein, lange bevor jemand erklären konnte, wovor. In den siebziger Jahren geriet die Fiasco trotzdem in Verruf. Sie war zum Symbol des billigen Massen-Chianti geworden, der literweise nach Norden ging; wer Qualität zeigen wollte, füllte in die schlanke Bordeaux-Flasche um. Dazu kam der Preis: Ein Körbchen von Hand zu flechten kostet mehr als eine Maschine, die Glas presst. Seit der Chianti 1984 den DOCG-Status bekam, hängt die Qualität nicht mehr an der Flaschenform. Damit darf die Fiasco wieder das sein, was sie immer war: Handarbeit aus Empoli, in der ein Wein aus Empoli steckt. Beim Einschenken hält man sie übrigens am Korb, nicht am Hals.
Die Familie Bettarini aus Empoli in der Toskana. Gegründet wurde das Weingut 1948 von Otello Bettarini, einem Industriellen aus Prato. Sein Neffe Riccardo führte es weiter und machte die Weine über Italien hinaus bekannt. Ende der 1990er Jahre übergab er an seine Kinder Ilaria und Rolando, die das Gut heute in dritter Generation führen — beraten vom Önologen Emiliano Falsini.
Wo liegt die Fattoria di Piazzano?
Auf den Hügeln südlich von Empoli, rund 20 Kilometer südwestlich von Florenz, in der Toskana. Die Adresse lautet Via Maremmana 2° tratto 28, 50053 Empoli. Am Fuß der Weinberge verläuft der Rio Camerata. Zum Gut gehört ein Agriturismo mit Verkostungen — Besucher sollten Appetit und Zeit mitbringen.
Welche Weine von Fattoria Piazzano gibt es bei Lettinis?
Fünf: den Chianti DOCG in der Fiasco-Flasche (0,75 l und als Magnum), den Vino Rosso IGT Ciliegiolo, den Vino Bianco IGT Fruttidoro aus der Rebsorte Colombana und den Vinsanto DOC Empolese. Alle im Onlineshop und im Laden in Düsseldorf, Jahnstraße 36.
Warum steckt der Chianti in einer Strohflasche?
Weil die Fiasco mundgeblasen wurde und dabei einen runden Boden bekam — ohne Korbgeflecht steht sie nicht. Das Körbchen schützte die Flasche zusätzlich beim Transport. Empoli, wo Piazzano liegt, war jahrhundertelang das Zentrum dieser Glasherstellung; das eisenhaltige Grün heißt bis heute verde Empoli.
Sind die Weine von Piazzano vegan?
Ja. Der Betrieb ist vegan zertifiziert — zum Klären der Weine werden keine tierischen Hilfsmittel wie Gelatine, Hausenblase oder Eiklar verwendet. Außerdem bezieht die Fattoria ihren Strom ausschließlich aus erneuerbaren Quellen und arbeitet ohne giftige Schädlingsbekämpfung.
Wie wird der Vinsanto von Piazzano gemacht?
Aus San Colombano, Trebbiano und Malvasia Bianca. Die Trauben werden rund vier Monate getrocknet, anschließend gekeltert und in Caratelli gefüllt — Fässchen von 50 oder 100 Litern aus Kastanie, Eiche, Ahorn und Maulbeerbaum. Dort bleibt der Wein mindestens fünf Jahre, ohne dass die Fässer bewegt werden. Danach reift er noch sechs bis acht Monate in der Flasche.